Von Liebold modelliert und eingeformt, von Kampf ausgegossen: Der Dämonenwall-Dämon. Photo: Dirk Pirro
Von Liebold modelliert und eingeformt, von Kampf ausgegossen: Der Dämonenwall-Dämon. Photo: Dirk Pirro

Das Herrschaftshaus der ehemaligen Eisenhütte Abentheuer, erbaut 1716, hat mit Sicherheit schon bessere Tage gesehen. Der Lack blättert von Fenstern und Türen, auf der Treppe blühen Kräuter. Der Zahn der Zeit nagt am Zeugen der Eisenverarbeitung im Hunsrück – eine Art Dornröschenschloss mit Gründerzeitflair zwischen Shabby chic, Lost Place und Landlust-Romantik. In einem Winkel hat Stefan Pink das Technikarsenal des Nationalpark-Radios aufgebaut und sitzt hinter Mischpult, Laptops und Mikrophonen. Sektgläser warten auf einem antiken Tischchen. An den Wänden hängen dicht an dicht Holzschnitte, Radierungen, Grafiken und Gemälde des Kunstvereins Obere Nahe e.V.. Der schwarz-weiß geflieste Boden im Flur glänzt spiegelblank und der Salon atmet die Atmosphäre alten Glanzes: samtbezogene Stühle um schnitzwerküberladenen Tischen. Die Freitreppe am Haus, seit einigen Jahren zerbröckelnd und nicht mehr begehbar, steht plötzlich wieder wie aus dem Ei gepellt da, als wäre das alte Haus dabei, sich zu verjüngen. Die ersten Autos parken auf der frischgemähten Wiese, während hier noch ein Tischtuch gerichtet wird, aus der Werkstatt das Klopfen tönt, aus dem offenen Fenster hört man kurz Musikfetzen – da werden Instrumente eingespielt.






Kurz darauf stehen Gastgeber und Besitzer des Industriedenkmals Caspar Kampf und Künstler und Autor Norman Liebold auf der Freitreppe, ein Glas Sekt in der Hand, lächeln auf die Gäste der ersten „SalonKultur“. Sie sehen ein wenig müde aus, die letzten Tage waren anstrengend. Aber auch zufrieden: Die Pilot- und Auftaktveranstaltung ist ausverkauft und das, obwohl es ein recht gewagtes Experiment ist. Würde man im Hunsrück genügend Leute begeistern können, sich für fast sechs Stunden auf eine kulturelle Veranstaltung einzulassen? Auf eine dreistündige Marathon-Lesung? Würde man 35 Euro für Kunst, Literatur, Ambiente und regionales, biologisch-dynamisches Essen ausgeben wollen? Die Antwort ist offenbar ja, nach dem Anstoßen entwickeln sich schnell Gespräche, plaudernd flanieren die Gäste durch die Räume, bleiben vor den Arbeiten der Künstler stehen, diskutieren: Radierungen von Helmut Schmid und Herbert Heß. Holzschnitte von Rolf Seul, Gemälde von Heidi Rüter und Norman Liebold, der wenig später auch auf dem gelben Sessel Platz nimmt, in die Runde schaut und auf das Zeichen des Nationalpark-Radios wartet, das heute live von der Veranstaltung senden wird.
Der KulturSalon will zur Entschleunigung und zum Kulturgenuss einladen, in besonderem Ambiente Kunst und Mensch Raum geben, gemütlich-entspanntes Zusammensein und Kultur-Dialog verbinden. Nicht nur Leute sollen sich begegnen und kennenlernen, sondern auch Künstler, Autoren, Musiker – zwei Kunstgattungen werden sich stets zu einem kleinen Tanz einfinden. Heute sind es Bildende Kunst und Literatur.
Der Autor erzählt schmunzelnd, dass er ursprünglich lediglich eine Kurzgeschichte über den Sensiationsfund der römischen Bronzeplastik aus dem 3. Jahrhundert hatte schreiben wollen, das Thema aber so faszinierend gewesen sei, dass er Ende Juni das Wörtchen „Ende“ unter etwas schrieb, das irgendwo zwischen Novelle und Roman, Indiana Jones und Fantasy, archäologischen Fakten und wildem Fabulieren liegt. Und der Verlag „Edition Roter Drache“ so begeistert war, dass er es entgegen jeder Planung noch für Januar 2019 ins Verlagsprogramm nahm. Noch vor Liebolds Roman „Zwergenbinge“, der im März erscheint. „Als Hardcover und mit ganz vielen Zeichnungen von mir“, freut er sich. Die ersten drei fertigen Illustrationen hängen hinter ihm an der Wand, Leinwand, Acryl und Tusche: Ein Dämonengesicht, eine Göttin, halb gegenständlich, halb Ornamentik zwischen Jugendstil und keltischen Mustern. Er sei gespannt, sagt er, ehe er zur Klarinette greift. Drei Stunden Lesung – Pausen hin oder her – sind für ihn ebenso eine Herausforderung wie für die Ohren seiner Hörer.
Die Sorge ist offenbar unbegründet. Gebannt lauscht man, läßt sich von Klängen auf verschiedenen Instrumenten und Worten in fremdartige Welten entführen.

Auch die Entschleunigung scheint zu funktionieren: Eine Stunde später lustwandelt plaudernd die Gruppe durch das ausgedehnte Gelände des ehemaligen Eisenhüttenwerks, tauscht sich über die Eindrücke aus, staunt in Grün, ins Murmeln der Bäche, ins Rascheln der Bäume. Industriegelände? Eher ein Park mit Bachläufen, Teichen und dazwischen malerisch überwucherten Ruinen. Am größten der Weiher wartete das Waldtischlein-Deck-Dich mit kleinen Köstlichkeiten, und Caspar Kampf steht grinsend an einem Baum gelehnt genießt sichtlich das angeregte Geplauder seiner Gäste. Die einen besprechen die ungewöhnlichen Speisen, die anderen fachsimpeln über Schmiede- und Gusseisen und nicht wenige spekulieren, wie die Geschichte wohl weitergeht. So hat er sich das vorgestellt.
Eine Stunde später sind alle wieder im Salon, ein Glas Wein vor sich, und tauchen wieder in die Wet von „Dämonenwelt“ ein, während das Waldtschlein-Deck-Dich das Abendessen im Nebenraum vorbereitet und das Nationalparkradio im Garten ein Interview mit Kampf führt. Eine rote Katze schaut neugierig vorbei, Hunde und Kinder spielen im Hof. In der zweiten Pause, während die Gäste arabischen Strudel, Quiche und Buchweizen-Dessert mit Brombeeren geniessen, sieht man Kampf und Liebold am Schmelzofen über den Formen diskutieren: Im Anschluss an den letzten Teil der Lesung soll der Dämon aus der Geschichte als Messing-Skulptur gegossen werden, das Timing ist wichtig, die Schmelze muss auf den Punkt flüssig sein, denn in den letzten Sätzen der Erzählung taucht Kampf als literarische Figur auf, und man soll dem „echten Caspar“ nahtlos begegnen, genauso, wie er beschrieben ist: In Gießmontur am Ofen.
Er muss einige Male den Ofen aus- und wieder anmachen und lauscht in den Saal, es ist nicht kalkulierbar, wann das letzte Wort fällt. Aber als die Gäste aus dem Saal kommen, ist er bereit. Er hebt den rotglühenden Tiegel aus dem Ofen und leuchtend ergießt sich das flüssige Metall wie zur Hochzeit der Eisenhütte in die Form. Auch der Dämon gibt sich Mühe. Als die Form schließlich geöffnet wird, sind die 4 Kilo Messing noch so heiß, dass der Ölsand in Flammen aufgeht und das Dämonengesicht inmitten von Feuer in die Runde schaut. Er wacht auch später noch lange auf der Treppe über die illustre Runde, die bis spät in die Nacht noch ums Feuer sitzt und sich nicht losreißen kann, Eindrücke austauscht und bereits fragt, wann die SalonKultur das nächste Mal stattfindet. Das wird erst 2019 sein, erklären die Initiatoren, noch gibt es keine Heizung im Herrschaftshaus. Aber am Tag des Offenen Denkmals wird es wieder Führungen geben, Philipp Devaud wird mit den Gästen ein Kunstwerk aus Papier und Eisen er-schöpfen und gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Liebold feierlich die Veröffentlichung eines gemeinsamen kleinen Büchleins begehen – das auch vorgelesen wird. Auch die Ausstellung des Kunstvereins Obere Nahe wird noch zu bewundern sein, denn sie steht als Symbol für den ersten Schulterschluss des „Kulturnetzwerks Nationalparkregion Hunsrück-Hochwald“, initiiert vom Kunstzentrum Bosener Mühle.
Dornröschen scheint langsam aus dem Schlaf zu erwachen, aber es ist noch ein langer Weg. „Der Kuss, der sie erwachen läßt“, scherzt einer der Gäste, „wird wohl der wildeste und längste Zungenkuss der Geschichte werden.“ Kampf grinst. „Ja, der dauert wohl einige Jahre. Aber er lohnt sich.“